Physiotherapie in der Tierarztpraxis

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So bekommt die Tierarztpraxis einen Wellness-Bereich
Auch in der nicht auf orthopädische Chirurgie ausgerichteten Tierarztpraxis ist die Physiotherapie eine sinnvolle Erweiterung des Praxisangebotes. Zielgruppe hierfür sind einerseits die Reha-Patienten nach Operation, andererseits aber auch die meisten älteren Tiere – häufig zur Schmerztherapie – sowie junge gesunde Tiere – beispielsweise zum Muskelaufbau als Prophylaxe und / oder sinnvolle Ergänzung ihres Trainings. Damit hat die Physiotherapie nicht nur eine therapeutische Funktion, sondern sie ist auch ein wichtiger Baustein einer präventiv ausgerichteten Medizin. Sie kann in Kombination mit Begleitangeboten dazu führen, dass der Tierbesitzer erkennt, dass die tierärztliche Praxis nicht nur dazu da ist, kranke Tiere zu heilen, sondern sie ist ein elementarer Bestandteil der optimalen Fürsorge für das Tier.

Viele Methoden der Physiotherapie können zum Einsatz kommen:

  1. Passive Physiotherapie

    1. Massagen
      Hierbei handelt es sich um eine Methode, die viele Tierbesitzer schon am eigenen Leib erfahren haben, und die in der Regel von Mensch und Tier als angenehm empfunden wird. Die Massagen führen zur Förderung der Durchblutung, wirken entstauend auf Venen- und Lymphgefäßsystem, können Verklebungen lösen bzw. verhindern und haben je nach Methodik eine anregende oder beruhigende Wirkung.Massagen werden bei Schmerzpatienten zur Linderung von Verspannungen eingesetzt. Post-operativ wirken sie Stauungen und Adhäsionen entgegen. Neben der Ableitung von Stoffwechselendprodukten kommt es aber auch zur besseren Nährstoffversorgung der Muskulatur, was die Kontraktionskraft atrophischer Muskeln verbessern kann.Neben ihrem therapeutischen Einsatz können Massagen auch präventiv verwendet werden – zum Beispiel zum sinnvollen Aufwärmen vor dem Training oder als Hilfe bei der Regeneration nach dem Training. So können dem Tierbesitzer einfache oberflächliche Massagegriffe gezeigt werden. Dies führt nicht nur dazu, dass beispielsweise Sportverletzungen vorgebeugt wird, sondern es stärkt gleichzeitig auch die Bindung zwischen Mensch und Tier.
    2. PROM (Passive Range of Motion) – Übungen
      Diese Übungen dienen dem Erhalt bzw. der Verbesserung der Gelenkbeweglichkeit und Dehnfähigkeit der Muskulatur. Dabei wird an jedem Gelenk die physiologische Bewegung (Beugung, Streckung, ggf. Ab- und Adduktion oder Rotation) jeweils bis zu dem für den Hund komfortablen Endpunkt ausgeführt und kurz in dieser Position gehalten.Therapeutisch kommen die PROM-Übungen post-operativ und bei nicht-stehfähigen Tieren zum Einsatz, um die Gelenkbeweglichkeit zu erhalten bzw. zu verbessern.Aber auch zur Vorbeugung von Altersbeschwerden ist es sinnvoll, wenn die Tierbesitzer nach Anleitung diese Übungen an ihren alten Tieren durchführen können. Dem Tier bleibt die Gelenkbeweglichkeit länger erhalten und gleichzeitig hat der Tierbesitzer die Möglichkeit, seinem älteren Tier aktiv dabei zu helfen, Altersbeschwerden aufzuhalten bzw. herauszuzögern.
    3. Thermotherapie
      Hierzu zählt die Anwendung von Wärme und Kälte als eine einfache und doch effektive Methode, um beispielsweise Schmerzen zu lindern.Lokale Wärmezufuhr führt zur Muskelentspannung, steigert die Gewebedurchblutung und verbessert die Dehnbarkeit fibröser Strukturen. Ihre Indikationen sind beispielsweise Arthrosen und Muskelverspannungen. Sie kann sehr gut vor Massagen oder Bewegungsübungen eingesetzt werden.Bei der Kälteanwendung kommt es zunächst zu einer Konstriktion der Blutgefäße mit einer Verlangsamung des Stoffwechsels. Dies vermindert ein Anschwellen des Gewebes und hat gleichzeitig eine analgetische Wirkung, was man sich postoperativ und nach akuten Traumen zunutze machen kann.Beide Behandlungsformen können nach Anleitung vom Besitzer mit Hilfe von Hot- bzw. Coldpacks zu Hause durchgeführt werden – die Wärmebehandlung vor Belastungen und Massagen, die Kältebehandlung nach dem Training oder als analgetische Maßnahme vor der PROM.
  2. Aktive Bewegungstherapie
    Durch aktive Bewegung werden die Muskelkraft, Propriozeption, Koordination und Ausdauer trainiert und es wird der Verschlechterung degenerativer Prozesse, Muskelatrophie und Gelenkversteifung entgegengewirkt. Bei der Bewegungstherapie unterscheidet man verschiedene Ansätze.

    1. Isometrische Übungen
      Hierbei handelt es sich um Übungen zur Gewichtsverlagerung, die der Verbesserung der Propriozeption wie auch dem Muskelerhalt und –aufbau dienen. Das isometrische Training ist eine besondere Form des Krafttrainings, da Spannungsveränderungen im Muskel auftreten, ohne dass er sich verlängert oder verkürzt.Isometrische Übungen können zum Beispiel bei der Behandlung von Wirbelsäulenerkrankungen, bei Lähmungen im frühen Stadium und nach Operationen eingesetzt werden.Sie sind aber auch für das Training im Hundesport oder als Prävention einsetzbar, denn sie fördern bei regelmäßiger Anwendung trotz ihrer Einfachheit und des geringen Zeitaufwandes sehr effektiv die Muskelkraft.
    2. Propriozeptives Training
      Bei der Propriozeption oder Tiefensensibilität handelt es sich um die Eigenwahrnehmung des Körpers. Das propriozeptive Training schult das Koordinationsvermögen und die Feinmotorik. Indem man den Hund im Schritt über unterschiedliche Materialien, unebene Untergründe oder labile Unterlagen (z.B. Luftmatratze, Schaumstoffplatte…) laufen lässt, werden die Propriozeptoren aktiviert. Auch das Ausbalancieren auf dem Physioball oder dem Schaukelbrett dient dazu, die Koordination und das Gleichgewichtsgefühl zu verbessernDas propriozeptive Training kann in der der post-operativen Phase und bei neurologischen Patienten zum Einsatz kommen.Es ist eine gute Welpenübung, da die Bewältigung unterschiedlicher Bodenbeschaffenheiten das Selbstbewusstsein und das Vertrauen in den Besitzer aufbaut und es ist eine Möglichkeit für den Besitzer, mit seinem jungen Hund die Koordination zu verbessern oder mit dem älteren Hund propriozeptiven Defiziten vorzubeugen.
    3. Bewegungsübungen und –programme (z.B. Cavaletti-Training, Slalom oder Hindernis-Parcours)Die effektivste Förderung von Muskelkraft und Muskelaufbau erreicht man durch aktive Bewegungsübungen, die je nach Mobilität und Kondition des Hundes ausgewählt werden müssen. Dazu gehören einfache Übungen wie das Bergauf- und Bergablaufen, aber auch aufwendigere Programme wie zum Beispiel die Cavaletti-Arbeit oder ein individueller Hindernisparcours.Gerade bei Patienten in der Rekonvaleszenz nach einer Operation ist ein gezieltes und schonendes Aufbautraining wichtig, um sie optimal gesunden zu lassen.

      Die aktive Bewegungstherapie kann vorbeugend zur Schulung des Gangbildes und zur Kräftigung der Muskulatur eingesetzt werden. Eine bessere Koordination und Motorik sowie ein erhöhtes Reaktionsvermögen ist für Hunde jeden Alters erstrebenswert – für ältere Tiere sind die Mobilisation der Gelenke und der Wirbelsäule sowie die verbesserte Durchblutung präventiv von besonderer Bedeutung.

    4. Hydrotherapie
      Das Training im Wasser ist eine optimale Möglichkeit, den Muskelaufbau sowie die Beweglichkeit und Stabilität der Gelenke zu fördern. Dabei wird die Gelenkbelastung durch den Auftrieb des Wassers reduziert, während der Schub gegen den Wasserwiderstand mit hohem Kraftaufwand geleistet werden muss, wodurch zusätzlich die Ausdauer gefördert und das Herz-Kreislauf-System angeregt werden.Natürlich ist es möglich, mit Hunden in flachen Gewässern zu trainieren, wobei die entsprechende Wassertemperatur und ein sicherer Untergrund zu berücksichtigen sind, oder bei kleinen Hunden ein Kinderplanschbecken für das Training zu verwenden. Der Einsatz eines Unterwasserlaufbandes ist jedoch das absolute Optimum, da das Unterwasserlaufband ein professionelles Training mit individuell angepasster Trainingsbelastung und Wassertemperatur ermöglicht. Das Gangbild kann kontrolliert und bei Abweichungen sofort durch den Therapeuten korrigiert werden. Zudem ist man mit dem Unterwasserlaufband völlig unabhängig von den Witterungsverhältnissen.

      Dieses Training ist sinnvoll bei jedem Patienten, der post-operativ schnell und schonend Muskulatur aufbauen soll. Bei Arthrosepatienten kommt hinzu, dass sie durch den Auftrieb des Wassers das positive Gefühl haben, wieder laufen zu können, ohne ihre Gewicht tragen zu müssen, was diese Patienten – bei entsprechender begleitender Schmerztherapie – regelrecht aufleben lässt und ihre Lebensqualität deutlich verbessert.

      Sporthunde, die jahreszeitlich bedingt pausieren müssen, erhalten über das Wasserlaufband die Möglichkeit, ihre Kondition und Muskelmasse zu erhalten und ggf. sogar aufzubauen. Auch bei Hunden mit Übergewicht ist dieses Training neben der unerlässlichen Ernährungsumstellung eine schonende Begleitmaßnahme, um eine Gewichtsabnahme bei gleichzeitig verbesserter Körperkondition zu erreichen.
      Besonders wichtig ist es, die Tierbesitzer frühzeitig mit dem Gedanken vertraut zu machen, dass der Tierarzt nicht nur dazu da ist, kranke Tiere zu behandeln, sondern dass er Ansprechpartner für alle Lebensabschnitte ist – gerade in einer Zeit, in der „Wellness“ und „Burnout-Prophylaxe“ auch beim Vierbeiner immer mehr an Bedeutung gewinnen. Hiermit sollte bereits im Welpenalter begonnen werden.

      Durch das Angebot von „Welpenpartys“, bei denen die Welpen – und auch die Besitzer – in lockerer Atmosphäre die Praxis kennenlernen können, wird hierfür der Grundstein gelegt. Nachdem die Welpen im Wartezimmer (oder einem anderen dafür geeignetem Raum) kontrolliert miteinander spielen durften, wird der Ablauf einer tierärztlichen Untersuchung geübt, um Tier und Mensch an das entsprechende Prozedere zu gewöhnen – bei den folgenden Tierarztbesuchen wissen beide dann schon, was auf sie zukommt. Im Rahmen der Gewichtskontrolle kann die Problematik einer zu schnellen Gewichtszunahme und der daraus resultierenden Belastung für die Gelenke angesprochen werden. Schließlich können auf einem entsprechenden Welpen-Parcours erste Koordinationsübungen spielerisch ausprobiert werden.

      Für die Besitzer von Sporthunden können Kurse zum gesunden Aufwärmen und Abkühlen oder der Einsatz des Unterwasserlaufbandes in der Vorsaison zum schonenden Muskelaufbau angeboten werden. Auch Massagekurse, in denen der Tierbesitzer einfache Griffe und Techniken an seinem Hund erlernen kann, sind sinnvoll und sorgen dafür, dass die Tierhalter auch mit ihrem gesunden Hund die Praxis aufsuchen und sie als „Wohlfühlpraxis“ empfinden können.

      Schließlich ist ein „Seniorenkurs“ eine Möglichkeit, auch den Besitzern eines älteren Hundes ein Angebot zu machen, sich mit seinem Tier therapeutisch zu beschäftigen. Denn während es für die Besitzer junger und gesunder Hunde zahlreiche Kurse und Möglichkeiten der sportlichen Betätigung gibt, wird der Besitzer eines älteren Tieres mit seinem nicht mehr so mobilen Hund häufig allein gelassen. Dabei ist gerade der ältere Hund über lange Jahre zum treuen Begleiter und Familienmitglied geworden und die meisten Besitzer möchten ihren Hund möglichst lange gesund erhalten und ihm das Altwerden so angenehm wie möglich machen. Hier können zahlreiche Methoden der Physiotherapie präventiv und begleitend zum Einsatz kommen, denn „wer rastet, der rostet“ und es ist gerade beim alten Tier mit beginnenden Gelenkbeschwerden besonders sinnvoll, Übungen zum Muskelaufbau, zur Propriozeption und zur Gelenkbeweglichkeit zu machen – und zwar unter tierärztlicher Anleitung!

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